Staatstheater Nürnberg

Über den Wolf (UA)

Tanzstück von Goyo Montero

Musik von Sergej Prokofjew und Owen Belton (Neukomposition)

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MEHR DRAMA – Eine Reihe für den digitalen Unterricht. Gefüllt mit kompaktem Wissen rund um Inszenierungen des Staatstheaters Nürnberg. Abgestimmt auf Themen des Lehrplans kommen spannende Themen rund um das Theater ins digitale Klassenzimmer!



1. Die Inspiration

Die Vorbereitungen und Vorproben zur Uraufführung "Über den Wolf" fielen in die Zeit des ersten Lockdowns. Schnell wurde für Choreograf Goyo Montero klar, dass es aufgrund der Kontaktbeschränkungen galt, sich über eine – zumindest zeitweise – Veränderung der Kunstgattung Tanz Gedanken zu machen. Zudem drängten sich die Fragen der Zeit auf: Wovor haben wir Angst? Was macht die Isolation mit uns? Wie stark limitieren uns Bedrohungslagen, die uns dazu zwingen, Bequemlichkeiten aufzugeben, Schutzzonen bzw. den eigenen Raum zu verlieren?

In dieser Phase ist Montero auf das berühmte sinfonische Märchen "Peter und der Wolf" gestoßen. Die Musik, die Figuren und die Ansätze der Handlung dienen als Inspiration für seine Neuschöpfung.

Probeneinblick

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Video: Stefan Kleeberger | Illustration: Oliver Schuck


Und wovor fürchtest du dich?

Diese Frage stellte Goyo Montero sich und seiner Ballettcompagnie. Die Tänzer*innen versuchen für ihre Choreographien oder Rollen sehr genau ihre eigene Gefühlswelt kennen zu lernen. Im künstlerischen Prozess machen sie sehr behutsam ihre Gedanken und Gefühle auch für die anderen erkennbar. In dem Trailer konntet ihr hören, wie der Komponist Owen Belton sich dem Thema der Angst musikalisch nähert und sich so mit der Musik Prokofjews ganz neu verbindet.

Mache dir private Notizen zu der Frage: Wovor fürchtest du dich? Wenn du willst, kannst du dich mit deinen Mitschüler*innen über deine Gedanken austauschen, du kannst sie aber auch einfach für dich behalten oder mit einer guten Freund*in besprechen.

Goyo Montero:

Als Prokofjew 1936 die Auftragskomposition "Peter und der Wolf" für das Moskauer Kindertheater schuf, sollten mit diesem Werk junge Zuhörer in die Welt der Orchestermusik eingeführt werden. Meine Inszenierung soll hingegen Jugendlichen wie Erwachsenen einen Zugang zu eigenen inneren Anteilen und Emotionen aufzeigen… Ich erzähle eine dunkle Geschichte, die jedoch voller Hoffnung ist und auf ihre Weise positiv endet - wie in der Originalpartitur so vorgegeben. Die Protagonistin, die "Peter" verkörpert, lernt im Laufe des Stücks ihre Ängste zu kontrollieren, ihre Fantasie zu nutzen und Emotionen zu instrumentalisieren. Auf diese Weise fängt sie dann den "Wolf", eine Metapher für die Erlösung von lähmender Furcht und ein Aufbruchssignal für einen neuen Weg.



In der ursprünglichen Fassung trägt die musikalische Erzählung die typischen Züge eines Märchens. Im Mittelpunkt steht Peter, ein gewitzter Junge, der sogar die Sprache der Tiere versteht. Er lebt mit seinem Großvater und seinen Tieren am Rande eines Waldes. Entgegen der Ermahnungen seines Großvaters verlässt er den Garten und rettet Katze und Vogel vor dem Wolf, der bereits die Ente verschlungen hat. Als der Jäger kommt, stellt Peter sich schützend vor den Wolf und alle bringen ihn in den Zoo. In seinem Bauch schnattert die lebendig verschluckte Ente.

In der Märchenversion von Prokofjew wird Peter als ein Held beschrieben, der den sicheren Garten verlässt und Abenteuer und Gefahren meistert. Man spricht von einer Held*innenreise. Diese Art von Reise findet sich in Mythen, Romanen, Filmen oder Videospielen. Welche Held*innenreisen kennst du?



2. Die Figuren

Die Tänzer*innen und der Schauspieler geben in kurzen Videofilmen Auskunft über sich und ihre Figuren. In Kombination mit dem Text kannst du die Proben- und Gedankenprozesse sehr gut nachvollziehen:

Peter ist zum einen ein kleiner Junge, dargestellt von der Tänzerin Olga García. Doch Peter ist auch ein Erwachsener – gespielt von Kammerschauspieler Thomas Nummer – der die Stimmen der übrigen Charaktere in seinem Kopf vereint; Gedanken, Ängste, Fragen, die ihn innerlich zerreißen, isolieren und in Gedanken der Ausweglosigkeit stürzen. Der Charakter des Großvaters, gespielt von Oscar Alonso, ist von Wahn und Ignoranz durchzogen. Manisch verhängt er seine Regeln, verwechselt Einsperren mit Beschützen. Auf der Bühne nimmt er doppelt Gestalt an, einmal als Schauspieler und einmal als Tänzer.

Die Held*innenreise, die im Märchen erzählt wird, verlagert sich in das Innere des erwachsenen Peters. Gleichzeitig verkörpern die Tänzer*innen einzelne Figuren aus dem Märchen auf der Bühne.

Vogel, Ente, Katze

Die Tiere Vogel (Sofie Vervaecke), Ente (Andy Fernandez) und Katze (Lucas Axel) halten lebendig Zwiesprache mit Peter in dessen Gedanken. Auch sie erzählen von ihren Ängsten, Manien und Moralvorstellungen. Sie rütteln Peter auf, bringen ihn dazu, sich von den negativen Einflüssen abzugrenzen und schließlich das zu tun, was er sich selbst nicht zugetraut hätte: den Wolf besiegen.

Der Wolf

Der Wolf steht für das Unbekannte, eine ungewisse Zukunft, die unsichtbare Bedrohung, die von einer Situation ausgeht. Es ist ein Wesen, welches nicht greifbar ist und eine Metapher für unsere Gefühlswelten. Sich diesen zu stellen, ist die Aufgabe Peters.

Wenn du Tänzer*in wärst, welches Tier aus dieser Choreographie würdest du verkörpern wollen? Mache dir private Notizen und tausche dich anschließend über deine Gedanken in der Gruppe aus.

Oder: Macht verschiedene Grupperäume, in denen ihr 10 Minuten ein Meet-the-Artist-Videos besprecht. Findet raus, wann eure Tänzer*in zu tanzen begonnen hat? Was ist für eure Tänzer*in das Besondere an ihrer Figur im Stück „Über den Wolf“? Was gibt es noch spannendes über eure Tänzer*in zu erzählen? Wählt kurz aus, wer der gesamten Klasse eure Ergebnisse vorstellt.



3. Das mitspielende Bühnenbild

Goyo Montero: Die Entwicklung Peters ist in der letzten Sequenz auch deutlich durch das zwar einfach wirkende, aber sehr effektive und mobile Bühnenbild unterstützt. Schwarze Wände repräsentieren mentale Blockaden, sie sind eine Projektion der eigenen Limitierungen und davon, wie wir uns selbst definieren. Am Ende wird die Protagonistin von ihrer Angst erlöst, weil sie lernt, die Wände zu kontrollieren.

Theater mit seiner Bühne, dem Licht, Ton und der Choreographie hat ganz andere Gesetzmäßigkeiten als ein Film. Wie würden diese inneren Kämpfe und Ängste in einem Film umgesetzt werden? Welche Wohnräume, Städte, Landschaften müssten vorkommen? Was wäre das bedrohliche Außen? Mache kurze Skizzen.

Letzte Frage: Kennst Du andere moderne Märchen-, Comicverfilmungen und Inszenierungen, die nach einem ähnlichen Muster verfahren?

Expert*innenwissen: Postdramatik oder ein Ausflug in die Theatergeschichte

Danke, dass du dich mit uns der Choreographie "Über den Wolf" angenähert und dich in die künstlerische Gedankenwelt Goyo Monteros und seiner Compagnie hineinbegeben hast. Wir würden gerne mit euch ins Gespräch kommen und über eure Eindrücke, Fragen, Ideen sprechen. Dafür besuchen wir euch im digitalen Klassenzimmer.

Kontakt: anja.sparberg@staatstheater-nuernberg.de

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