Staatstheater Nürnberg

Im Detail: Jeeps

von Nora Abdel-Maksoud

Jeeps headerFoto: Konrad Fersterer

Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten , keine Pause


Dieses Stück ist veraltet.

Seit der Uraufführung an den Münchner Kammerspielen im November 2021 ist unsere Welt in vieler Hinsicht eine andere geworden. In JEEPS wird immer wieder Bezug genommen auf das Arbeitslosengeld II, vulgo Hartz IV, welches aber seit dem 1. Januar 2023 nicht mehr ausgezahlt wird. Mittlerweile erhalten Arbeitssuchende ein so genanntes Bürgergeld, auch wenn das nicht allen gefällt; der neue Name soll den negativen Beigeschmack beseitigen und steht damit in der schönen Tradition der Abkehr von vermeintlich verbrannten Begriffen - Arbeitsamt zu Agentur für Arbeit zu Jobcenter ist ein weiteres Beispiel. Auch wird nicht mehr von Arbeitslosen oder Arbeitssuchenden gesprochen, nein, das Jobcenter wird von Kund*innen frequentiert. Dass diese Begriffstransformationen nur Kosmetik sind, macht Nora Abdel-Maksoud sehr anschaulich, indem sie Jobcenter-Mitarbeiter Armin die Verzweifelten einfach "Opferwürste" nennen lässt. Sprache ist überhaupt ein wichtiges Mittel des Stücks - neben den mitunter sehr plastischen Beleidigungen, die die Figuren sich gegenseitig an den Kopf werfen, werden auch druckreife Parolen geschwungen: "Wer formuliert die Formulare?" oder "Eure Sprache ist die Henkersmütze, unter der ihr über uns richtet!".

Aber einen Schritt zurück. Was passiert im Stück? Wir befinden uns in einer alternativen Wirklichkeit, einem hypothetischen Deutschland, welches versucht hat, Erben gerechter zu gestalten - und so ein Lotterieprinzip einführt. Alle Erbschaften werden abgetreten und per Los neu verteilt. So hat jeder Mensch theoretisch die Chance, ein Milliardenvermögen zu erben. Eine gute Idee, oder?

Jeeps AMA 0223Foto: Konrad Fersterer

Die Regisseurin Martina Gredler, die in Nürnberg auch "Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann auf die Bühne brachte, hat im Probenprozess einen starken Fokus auf diese textlichen Pointen und ihr Timing gesetzt; schnell und anschlüssig müssen die Repliken sein, damit das Publikum den Witz der Inszenierung optimal serviert bekommt. Dabei bleibt die Charakterführung kaum überzeichnet, die Spieler*innen verkörpern Figuren, die keine Karikaturen sind, sondern - dem Setting des Stücks entsprechend - nur eine leichte Veränderung der Wirklichkeit abbilden. Eine Welt, wie sie sein könnte, könnte auch von solchen Menschen bevölkert sein. Die aus ihrer Sicht um ihr Erbe betrogene Designerin Silke wird von Pola Jane O'Mara mit gerechtem, bürgerlichem Zorn gespielt, steht dabei im Spagat zwischen ihrem liberalen Selfmade-Selbstbild und dem Beharren auf dem Geld ihres Vaters, welches ihr ersteres erst ermöglicht hat. Unterstützt wird sie von der Langzeitarbeitslosen Maude - gespielt von Adeline Schebesch - einer gescheiterten Intellektuellen, die aus der Gesellschaft gefallen ist und deshalb mit fröhlicher Begeisterung ungehemmt gegen diese rebellieren kann. Ihnen gegenüber steht das Jobcenter, repräsentiert durch den vermeintlichen Abteilungsleiter Armin, den Thomas Nunner als koksig-selbstgerechten Zyniker anlegt, nahezu bar jeder inneren moralischen Richtschnur; und Gabor, den Unbestechlichen, gespielt von Aydın Aydın, Verwalter der Lotterie, die einzige Figur, die wirklich durch harte Arbeit ihre Position erreicht hat. Sie verkörpert die unnachgiebige, hermetische Struktur einer leidenschafts- und erbarmungslosen Behörde, die zu navigieren für Außenstehende oft kaum möglich scheint.

Die Bühne von Moana Stemberger greift die leichte Überzeichnung von allem auf: die dunkle Holzvertäfelung mit den eingelassenen Türen ist eine prototypische westdeutsche Amtsstube, dass sie wie eine Drehtür rotieren kann verstärkt den leicht bizarren, kafkaesken Eindruck der Konstruktion. Sophie Lux' Kostüme sind ein weiterer Teil des Ausstattungskonzeptes in dieser Hinsicht: da werden realistisch wirkende Kleidung mit zu vielen Kugelschreibern kombiniert oder mit einem Gürtelholster für Stempel.

Die Musik von Vera Mohrs unterstützt den emotionalen Gehalt der Szenen sowie die unterschiedlichen Zeitlichkeiten, von klagenden Streichern bei der Beerdigung über Drone-Sounds in den Amtsszenen hin zu elektronischen Beats in den Drehungen werden verschiedene Möglichkeiten musikalischer Gestaltung genutzt.

Jeeps HP2 3363Foto: Konrad Fersterer

Bürgergeld, ALG II, Sozialhilfe - die unterschiedlichen Begriffe können nicht lang über die demütigende Natur dieser Unterstützungszahlungen hinwegtäuschen. Und die inhärente Ungerechtigkeit, die das Stück zentral - und mit dem Mittel der Satire - anprangert, nämlich dass jedes Jahr Milliardenbeträge vererbt werden, hat sich trotz vieler Versuche der Erbrechtsreformen bislang nicht geändert.

Deshalb wird dieses Stück lange nicht veralten.


Regie: Martina Gredler / Bühne: Sophie Lux / Kostüme: Moana Stemberger / Dramaturgie: Konstantin Küspert / Musik & Komposition: Vera Mohrs / Licht-Design: Günther Schweikart


Silke: Pola Jane O' Mara / Maude: Adeline Schebesch / Gabor: Aydın Aydın / Armin: Thomas Nunner


Regieassistenz und Abendspielleitung: Paulina Seibold / Inspizienz: Tommy Egger / Soufflage: Delia Matscheck


Ausstattungsassistenz: Judith Chesneau / Ausstattungshospitanz: Judith Bertl / Werkstudentin: Sophia Czerwinski / Freiwilliges kulturelles Jahr: Sabrina Haas / Freiwilliges kulturelles Jahr Kostüm: Emma Pacurariu


Technischer Direktor: H.-Peter Gormanns / Referentin des Technischen Direktors: Henriette Barniske / Werkstättenleiter: Hubert Schneider / Konstruktion: Marie Pons / Bühne: Florian Steinmann (Technischer Leiter), Uwe Otten


Beleuchtung: Florian Steinmann, Wolfgang Köper, Frank Laubenheimer, Günther Schweikart / Ton und Video: Boris Brinkmann, Manuela Trier, Joel Raatz / Masken und Frisuren: Helke Hadlich, Dirk Hirsch / Requisiten: Urda Staples, Christine Bakker / Kostümdirektion: Eva Weber


Ausfertigung der Dekoration: Dieter Engelhardt (Schreinerei) / Klaus Franke (Schlosserei) / Thomas Büning / Ulrike Neuleitner (Malsaal) / Werner Billmann (Dekorationsnäher) / Elke Brehm / Jonas Kusz (Theaterplastik)


Aufführungsrechte: Schaefersphilippen, Theater und Medien GbR


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