Staatstheater Nürnberg

Ein Satz für Nürnberg

Als ausufernde Kalendersprüche und persönliches Tagebuch zugleich begleiten uns die "Sätze für Nürnberg" unseres Hausautors - Verzeihung, Haustronauten! - Philipp Löhle von Monat zu Monat. Im gedruckten Spielplan und hier als zeitgeschichtliches Gesamt-Archiv.

Texte und Fotos: Philipp Löhle / haustronaut@staatstheater-nuernberg.de

Löhle Publikumsgespräch
header Satz für Nürnberg 26


Ich habe es gerade eben erst gelesen. Vielleicht wissen es einige von Ihnen schon. Ich weiß, die Nachricht ist etwas schockierend, aber Kosmologen haben herausgefunden, dass unser gesamtes Universum – g e s a m t e s U N I V E R S U M!! - endlich ist. Also nicht endlich ist, da ist, sondern endlich ist, es wird enden. Ich meine… Da… Also… ich frage mich jetzt schon, wozu morgens aufstehen, wozu Müll trennen und plastikfreie Seife benutzen, wenn das Universum endlich ist? Die Kosmologen haben nämlich errechnet, seit wann sich das Universum aufbaut. Das kann man herausfinden, indem man die Lichtstrahlen untersucht, die uns noch vom Urknall her erreichen. Seitdem bilden sich Galaxien, bauen sich Sterne auf, verglühen Sonnen. Dabei wurde festgestellt, 90 Prozent des Universums sind schon fertig, wir befinden uns in den letzten 10 Prozent. Und wenn die erstmal durch sind, dann kommt nur noch das Verglühen, das Zu-Ende-Gehen. Alles wird langsam verlöschen. Irgendwann geht die Sonne nicht mehr auf und abends sieht man keinen Sternenhimmel mehr, weil alle Sterne verklungen sind. Oh Mann. Was sollen wir denn dann noch machen? Ins Kino gehen? Ins Theater? Fernsehgucken? Wieso eigentlich nicht. Gerade für Theater ist ja Dunkelheit keine schlechte Ausgangslage. Dann wirkt die Beleuchtung besser. Man müsste sich natürlich gut überlegen, was man dann spielt. Vielleicht eher Komödien als Stücke über Weltuntergänge und Seinsfragen. Am besten wir sammeln schon mal Vorschläge, weil viel Zeit haben wir nicht mehr: In ein paar Billionen von Jahren soll es schon so weit sein!

Bis dahin.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Header Satz für Nürnberg 25


Mal was Privates: Ich habe es getan. Aber nicht alleine. Sondern in der Gruppe. Endlich mal wieder etwas gemeinsam machen! Zusammen mit 813.289 andere Menschen. Ich kenne ihre Namen nicht und ich habe nur ein paar von ihnen selber gesehen, aber wir haben uns gemeinsam dafür eingesetzt, bald wieder ins Theater gehen zu dürfen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was das für ein erhebendes Gefühl ist. Am liebsten hätte ich YES!!! durchs Wartezimmer gerufen. Oder habe ich das vielleicht sogar getan? Weil ich so glücklich über meine Impfung war, habe ich es jedem und jeder erzählt, die ich getroffen habe. Dem Bäcker, der Kita-Erzieherin, Nachbarn. Und das Tolle war, wie viele von ihnen mir entweder gesagt haben, sie hätten schon einen Termin oder sie seien selbst schon geimpft. Natürlich geht es nicht darum, endlich wieder ins Theater gehen zu können … obwohl: Doch! Genau darum geht es! Und bald sehen wir uns da. Und dann umarme ich ALLE!! Aber keine Angst. Kommen Sie einfach trotzdem.

Bis bald

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


header Satz fuer Nuernberg April


Wenn man diese Pandemie mal dramaturgisch betrachtet, dann ist das ein Totalversagen. Schon der Anfang. Erst wird Spannung aufgebaut, ein wahnsinniger Suspense, von dem sich dann nichts einlöst. Starre und Reglosigkeit sind jeglicher Action abträglich. Da schlafen alle ein. Dann diese Form: Katastrophe in Zeitlupe. Das ist nicht interessant. Da entstehen nur Längen. Zeitlupe ist kein gutes Stilmittel, wenn eh schon nichts passiert. Dazu werden die dramatischen Spitzen schlecht gesetzt. Letztes Frühjahr war das noch einigermaßen aufregend, wow, leere Straßen, aber dann immer die gleichen Bilder wieder und wieder verwenden? Das wirkt einfallslos. Und man muss interessant bleiben. Wenn die handelnden Personen mal bekannt sind, muss auch was passieren. Da braucht es Konflikte. Social distancing ist einfach nicht theatral genug. Und das Ganze ist viiiieeel zu lange. Muss man auch mal kürzen und nicht immer auf derselben Idee rumreiten.

Also, wir werden (bald) wieder aufmachen und dann zeigen wir der Pandemie mal, wie das richtig geht!

Bis bald

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


header Satz fuer Nuernberg Maerz


Folgender Vorschlag für gute Unterhaltung – ist ganz einfach und bedarf nur einer Regel. Sie kennen doch so Spiele, bei denen man raus ist, sobald man was falsch macht. Keine Ahnung. Gibt es nicht irgendwas mit einem Wollknäuel und Namen und wenn man den Namen nicht weiß, dann ist man raus?
Jetzt übertragen wir das einfach mal ins Heute: Treffen Sie sich mit Freunden. Ob zum Spazierengehen oder irgendwo im Internet ist egal. Und dann unterhalten Sie sich. Aber: Wenn irgendjemand irgendetwas über dieses vermaledeite alles zuklebende, aktuellste Thema sagt, entweder in dem er oder sie es direkt benennt oder in dem er oder sie mittelbar davon spricht, wie es ihn oder sie beeinflusst, dann… ist er raus! Ist sie raus!
Sie glauben gar nicht, was für interessante Gespräche und Menschen sich unter und hinter diesem derzeitigen Smalltalktabellenführer verstecken. Und plötzlich geht es wieder um uns. Und darum, was wir denken und was wir wollen und was wir für Ziele haben und was für Träume und Ideen, Vorstellungen, Gedanken… Es ist unglaublich. Probieren Sie es aus! Sie werden die ersten Male ziemlich schnell alleine dasitzen, aber mit etwas Übung… wird es fast wie früher. Ach nee, da haben wir ja immer übers Wetter geredet...

Bis bald

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #22


Also wir arbeiten auf Hochtouren! Die Theater sind zwar im Moment geschlossen, aber wir sind dran. Tag und Nacht. Und wenn wir wieder aufmachen, präsentieren wir nichts weniger als die gesamte Theaterliteratur der letzten 2021 Jahre. Wir haben mit wissenschaftlicher Unterstützung einiger kluger Köpfe ausgerechnet, dass es möglich ist, unendlich viele Stücke in nur zwei Stunden zu spielen. Man muss nur das folgende Stück immer in halb so viel Zeit spielen, wie das davor. Fangen wir also an mit ANTIGONE, kürzen es aber auf eine Stunde. DAS ERDBEBEN IN CHILI spielen wir in einer 30-Minuten-Schnellsprech-Version. Den Pollesch-Abend kriegen wir sicher auch in einer viertel Stunde hin. Mein neues Stück ISOLA kürzen wir auf knappe sieben Minuten. Tut dem Text vielleicht auch ganz gut. Und die Stücke werden uns auch nicht ausgehen, denn wir sind vorbereitet! Seit Wochen fressen wir den gesamten Kanon in uns rein und wenn es wieder losgeht, lassen wir es krachen.

Ich freue mich schon.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #21


Die größte Sau, die rumläuft, ist der Alltag. Das ist doch wirklich ärgerlich mit welch stoischer Ignoranz dieser Alltag, dieser Hund, einfach immer weitermacht. Ich könnte mich da aufregen. Als ob ihn nicht interessiert, was um ihn herum passiert. Ob mal wieder Lock-down ist oder Schließ-Auf oder ob der Friseur zu hat und das Nagelstudio offen, ob man Theater vor fuffzig Leuten spielt oder gar nicht oder vor 2000. Den Alltag interessiert das nicht. Der macht weiter. Jeden Tag. Klar, man muss essen und schlafen und vor die Tür gehen und mit der Mutter reden und mit den Kindern spielen und von mir aus Steuern zahlen, aber einfach immer weiter machen? Ich meine, irgendwann wird aus jemandem mit einem bewundernswerten Antrieb ein Idiot, der alles mit sich machen lässt. Da muss man aufpassen. Auch als Alltag. Aber wahrscheinlich ist ihm sogar das egal. Ich habe nämlich das Gefühl, er steckt mit der Zeit unter einer Decke. Und wenn die beiden zusammenhalten, wird es relativ schwierig Einfluss zu nehmen.

Bis bald

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #20


Jetzt stelle man sich mal vor, es wäre alles ganz fein. Also kein Verrückter, der Amerika regiert. Kein Virus, das uns alle einschränkt und einzwängt. Keine erfrierenden Flüchtlinge, die mit Ausreden in ihrem Elend belassen werden. Es gäbe keine Kriege, nirgends. Ja, nicht mal Leute, die Hunger leiden. Und auch keine bescheuerten Diktatoren, die nicht akzeptieren wollen, wenn ihr Volk die Schnauze voll hat. Und niemand würde aufgrund seines Aussehens schlechter oder anders behandelt als andere. Alle würden Fahrrad fahren und Zug und ihre Autos zu irgendwas Sinnvollem umfunktionieren. Man würde nicht über die Klimakatastrophe als eine Glaubensrichtung sprechen, sondern einfach jetzt und sofort etwas unternehmen. Windräder sind weit weniger hässlich als Autobahnen und Monokulturen. Kurz, alle Probleme wären abgeschafft, aber die Theater wären offen. Dann wüsste man ja fast nicht, womit sich beschäftigen. Oder?

Wir sehen uns!

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #19


Und als alles vorbei war, krochen sie aus ihren Löchern hervor, blickten sich vorsichtig um, klopften mit der flachen Hand den Staub von der Hose und lächelten in die Sonne. Einatmen. Ausatmen. Dann eine etwas verklemmte Verabschiedung und das stumme Versprechen, all das als Geheimnis zu behandeln. Sie liefen zurück in ihre Häuser. Öffneten die Türen, aufgeregt wie beim betreten eines Märchenpalastes. Und kaum hatten sie die Schuhe am Welcome Home abgestreift, war schon fast wieder alles wie früher. Nur noch schnell die alten Klamotten im Garten verbrennen, dann duschen, die Haare schneiden und parfümieren. Ja, auch eine Rasur für die Herren und etwas Schmuck für die Damen. Und dann ging es auch schon wieder los. Aber nicht etwa überlegter oder zurückhaltender als zuvor, nein, ganz im Gegenteil, sie bemühten sich sogar noch schneller und eifriger, wilder und zerstörerischer zu sein als jemals. Und wir dachten, na ja, vielleicht lernen sie es ja beim nächsten Mal...

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #18


Das Schöne am Autor sein vielleicht am Theater überhaupt ist für mich das Nicht Dazu Gehören ich gehe nicht in Büros ich schreibe über Büros ich verändere nicht die Welt ich schreibe über die Schwierigkeit die Welt zu verändern Ein Leben als Metaanalyse wenn man so will Ich verstehe das auch als meine Aufgabe als Theatermensch als Theater als Autor Wir gucken von Außen auf die Geschehnisse auf die Gesellschaft wie man immer sagt und sezieren menschliches Verhalten Ich Sie Wir alle sind mein Untersuchungsgegenstand Ich habe jetzt gelernt wir sind nicht systemrelevant Uns braucht es nicht zum Überleben und ich glaube auch ein Stück weit ist da was dran aber auf die Dauer fehlt einer Gesellschaft der analysierende diskursive gedankliche Schubser wie ihn nur ein Theaterabend live vor Publikum geben kann Wenn man so will sind wir die Satzzeichen Klar man kann einen Text auch ohne Satzzeichen verstehen aber mit ist es doch bedeutend einfacher Ordnung in die Wörter zu bringen Punkt

Bis bald im Theater

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #17


Neulich wollte ich in mein Hotelzimmer einchecken, aber der Mann an der Rezeption sagt, ich sei schon da. Er zeigt mir sogar meine Unterschrift auf dem Anmeldebogen. Aha. Ob ich trotzdem in mein Zimmer könne, frag ich. Der Mann sagt wie selbstverständlich selbstverständlich. Also gehe ich zu meinem Zimmer, klopfe und tatsächlich: ich öffne. Hallo sage ich. Und Hallo antworte ich. Ob ich reinkommen könne, frage ich mich selbst, nicke mir zu und betrete das Zimmer. Lange nicht mehr gesehen, sage ich und grinse doof. Dabei ist das eigentlich genau mein Humor. Ich müsse sowieso gleich wieder los, sage ich, ins Theater, dann könne ich das Zimmer für mich alleine haben. Ich muss auch los, sagt mein Gegenüber. Als ich spät nachts ins Zimmer schleiche, bin ich schon da und schlafe bereits tief und fest. Ich lege mich dazu und freue mich schon, dass ich nicht alleine bin, wenn ich aufwache... Man sollte mehr Zeit mit sich selbst verbringen ...

Wir sehen uns

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #16


Da ist gerade ein Film im Kino von dem alle schwärmen, weil er so aussieht, als wäre er in einer Einstellung gedreht. Es heißt, man habe wochenlang geprobt, damit alles reibungslos laufe und der Zuschauer zwei Stunden durchgängig, ohne Schnitt, also ohne Pause, den Figuren folgen kann. Immer wieder mal gibt es solche Filme, wie Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ oder Sebastian Schippers „Victoria“, die dann, weil technisch faszinierend, zum Meisterwerk erklärt werden. Ich will gar nicht sagen, diese Filme seien nicht gut, ganz im Gegenteil, aber ist es nicht seltsam, wie man sie für etwas bewundert, was im Theater zum Alltag gehört? Wochenlange Proben, aufwändige Vorbereitungen, exakte technische Planung und am Ende: Zwei Stunden eine Einstellung (sogar statisch frontal!), und alles muss auf den Punkt geprobt sein, jeder Beteiligte muss wissen, was er wann zu tun hat, damit alles ganz natürlich ineinandergreift und bestenfalls gelingt!

Wir sehen uns im Theater

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #15


Also lange wird das nicht mehr dauern. Mit diesem Internet. Man schaue sich nur mal die VHS-Kassette an. Wie lange hat es die gegeben? Von 1976 bis 2008. Also circa 30 Jahre. Seit 2000 etwa gab es auch noch DVDs. Dazu kamen in den 10er Jahren die Blue-Rays. Aber selbst Blue-Rays sind seit 2015 im Verkauf rückläufig. Und kann sich noch jemand an CDs erinnern? Oder an Musikkassetten? Eben. Alles Firlefanz. Alles Modeerscheinungen. Wie der Herrenrock. Der Herrenrock ist noch lächer-licher als die VHS-Kassette, weil der konnte sich nicht mal richtig etablieren, bevor er schon wieder verschwunden war. Und deshalb wird auch das Internet keine Zukunft haben. Das wird irgendwann von irgendwas anderem abgelöst, was dann auch wieder verschwindet usw. Das ist einfach alles zu wenig haptisch. Zu wenig echt. Zu wenig lebendig. Deshalb ist das Theater nicht tot zu kriegen. Seit 2000 Jahren nicht: Weil da echte Menschen sind, die sich jeden Abend hinstellen, um vor anderen Menschen so zu tun, als wären sie jemand anderer!

Wir sehen uns im Theater

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #14


Tiere haben es gut. Sie sind keine Menschen. Das heißt zwar, sie können nicht lachen, aber sie müssen auch nicht Whatsapps schreiben. Außerdem schützt sie ihre (von uns als schlicht bezeichnete) Geistesverfassung davor, sich gegenseitig auszurotten. Und noch besser: Kein Tier wäre je so doof, wissentlich in sein eigenes Unglück zu rennen. Im Theater finden wir solche Menschen sogar faszinierend und nennen sie Helden. Wobei erstens Helden immer selber davon ausgehen, dass sie es schon schaffen werden und nur die Zuschauer wissen, dass das nix wird. #tragischerHeld. Und zweitens kämpft doch der Held für etwas Gutes, wohingegen der Normalbürger raucht und säuft und mit dem SUV zum Briefkasten fährt und in den Urlaub fliegt und gegen Windanlagen demonstriert und Kohlekraftwerke subventioniert und Bahnfahren zu teuer macht und alles in Plastik verpackt und mit Antibiotika vollspritzt und Impfen ablehnt  … und bei all dem auch noch weiß, wie selbstzer¬störerisch das ist.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #13


Alle reden vom Klima. Und seiner Rettung. Das muss aber die Politik machen. Ja! Ich habe schon ein paar mal gelesen, dass der Einzelne gar nichts ausrichten kann, weil der persönliche Verzicht auf Flüge, SUV oder Plastikschrott zwar was bringt, aber keine große Wirkung hat. Das ist natürlich irre. Ist ja ein Freifahrtschein, sich aus der Verantwortung zu stehlen: „Ich bin viel zu klein, um etwas auszurichten.“ Neulich waren wir fürs Staatstheater sieben (!) Tage in China. Das heißt zweimal Langstrecke. Für sieben Tage!? Vor Ort sind wir noch drei Mal geflogen, weil China so groß ist. Beinahe hätte ich ein schlechtes Gewissen bekommen und mich gefragt, ob das wirklich sein muss, fünf (5!) Mal fliegen in zehn Tagen. Aber jetzt weiß ich ja, der Verzicht auf diese Reise hätte der Umwelt kaum geholfen und mir und den beiden anderen unbezahlbare Eindrücke verwehrt. Na dann. Kann ich ja auch weiterhin mit dem Auto zum Briefkasten fahren!

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #12


Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Ich habe ja angeboten in den Sommerferien Texte am Telefon vorzulesen, um uns gegenseitig über die Durststrecke der Schließzeit zu helfen. Ehrlich gesagt, hätte ich gar nicht damit gerechnet, dass überhaupt jemand anruft. Ich war dann wirklich erstaunt über die zahlreichen Telefonate, die ich führen durfte. Und es blieb ja nicht nur bei den vorgelesenen Texten. Oft haben sich daraus lange Gespräche entwickelt. Intensiv, kontrovers, ausführlich. Da ich mitten in der Arbeit an meinem neuen Text ANDI EUROPÄER steckte, war es natürlich eine gute Gelegenheit, mir auch direkt bei den zukünftigen Zuschauern erstes Feedback zu holen. Danke dafür. Ich bin wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. Und während Sie diesen Text hier lesen, haben die Proben schon begonnen und Ende Januar können wir uns anschauen, was auf der Bühne daraus geworden ist. Ich freue mich schon auf Ihre Kommentare!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #11


Sehr geehrte Damen und Herren,
Gleichberechtigung schön und gut, aber so lange wir nicht grundlegend unser Denken von all dem Männlichkeitsballast befreien, werden wir nie etwas erreichen. Jedes zweite Wort versteckt in unserem Unterbewusstsein kleine Männlichkeitshaken, die unser ganzes Denken durchdringen, und alles Weibliche von uns schieben oder zumindest herabsetzen. Fangen wir also ganz vorne an: Das Staatstheater heißt ab jetzt Staatstheatsie. Die dazugehörige Stadt nennen wir nicht mehr Nürnberg, sondern Nürnbsieg. Sondern folgerichtig … folgsierichtig sondsien. Merken, also: Msieken Sie schon, wie Sie gleich viel weiblicher … weiblichsie denken? Friedlicher auch. Also: friedlichsie. Siestmal wsieden Sie sich wundsien, wegen dsie vsiedrehten Wörtsie, absie mit dsie Zeit wsieden Sie sich wohsie fühlen als vordame. Und um allsie Gsieechtigkeit Genüge zu tun, drehen wir den Spieß natürlich auch um: Phantasie heißt ab jetzt Phantaer!

Mit freundlichen Grüßen

Dsie HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #10


Es ist doch so: Man kann nicht wo reinschauen, solange man selber drin steckt. Man muss von außen kommen, um rein zuschauen. Was auch für Überblick sorgt. Und vielleicht kann man dann sogar die Sache(n) in einem größeren Zusammenhang überhaupt begreifen. Also zum Beispiel, wenn ich woanders hinfahre - anderes Land, andere Leute, anderes Klima, andere Kultur - wird mir ja erst bewusst, wie ich selber funktioniere. Was mir wichtig ist. Was ich mag. Was ich unbedingt brauche, um klar zu kommen. Hätte ich aber gar nicht gemerkt, wenn ich nicht weggefahren wäre, um wieder heim zu kommen. Also praktisch, nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Weg-gewesen-sein. Weil das Reflexion ermöglicht. Eigentlich ein bisschen wie Theater, wo man ja auch mit jedem Theaterabend eine kurze Zeit in einer anderen Realität verbringt, um dadurch auf sich selbst zurückgeworfen zu werden und sich mal kurz, für ein, zwei Stunden wie einen Fremden von außen zu betrachten. Also Theater als Urlaub vom eigenen Selbst.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle

Urlaubsgrüße bitte an: haustronaut@staatstheater-nuernberg.de


Satz fur Nuernberg #9


Also gut, jetzt ist dann Sommer. Das heißt, das Theater ist erstmal zu. Keine Vorstellungen. Keine Schauspieler*innen. Keine Kunst. Keine neuen Stücke. Keine neuen Projekte. Keine Premieren. Keine spontanen Events in der 3. Etage. Überhaupt: Keine 3. Etage! Das ist natürlich furchtbar und ich höre Ihr Stöhnen, während Sie am Baggersee liegen (oder am Mittelmeer) und soo gerne etwas Theater hätten. Und wenn schon kein richtiges Theater, dann wenigstens etwas Text. Ha haa! Und jetzt komme ich. Denn ich bin ja nicht umsonst Haustronaut am Staatstheater Nürnberg. Nein, ich sehe es sogar regelrecht als meine Pflicht an, Sie, liebes Publikum, über die theatrale Durststrecke der Sommerpause zu retten. Daher habe ich mir überlegt, ich gebe Ihnen einfach meine Telefonnummer durch, und wenn Sie Sehnsucht nach etwas Text haben, dann rufen Sie mich an. Ich lese Ihnen was vor. Ist natürlich kein richtiges Theater, aber immerhin von mir. Und exklusiv.

Bis dann.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle
Tel.: 0151-57 82 90 53


Satz fur Nuernberg #8


Wir wollen ja immer ganz viel Welt ins Theater bringen und da scheuen wir keine Kosten und Mühen. Deshalb habe ich, Haustronaut des Staatstheaters Nürnberg, mich auf den Weg ins wilde Mexiko gemacht, wo ich mich nun seit Anfang April umsehe. Ganz im Geiste Alexander von Humboldts werde ich nicht nur ein Herbarium anlegen, sowie einige wilde Tiere einfangen, beschreiben und aufessen, sondern auch versuchen, mit Einheimischen, wenn nicht gar Eingeborenen ins Gespräch zu kommen. Resultate dieser Gespräche möchte ich gerne am 24. Mai via Live-Schalte in die 3. Etage übertragen. Ich kann zwar noch nicht sagen, wo ich da sein werde und was ich da mache, aber das ist doch das Interessante an der Zukunft, dass man sie nicht kennt. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch kommen.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle

Hinweise zu Mexiko, sowie Reisetipps richten Sie bitte an:
haustronaut@staatstheater-nuernberg.de


Satz fur Nuernberg #7


Sehr geehrte Damen und Herren. Ich brauche Ihre Hilfe. Mir ist eine Figur abhanden gekommen. Eben war sie noch da, jetzt ist sie weg, dabei habe ich sie doch extra fürs Theater erfunden – und jetzt gleich wieder verloren. Es handelt sich um den 23-jährigen Marc Henske, wohnhaft in Hamburg. Dorthin habe ich ihn mir ausgedacht, als verliebten, kinderlosen, energie-geladenen, fröhlichen Angestellten. Ich weiß nicht genau, was er arbeitet, es könnte so etwas wie Software-Entwickler sein, aber auch etwas weniger oder mehr Aufregendes. Seine derzeitige Freundin sagt, er wurde an einem Freitag von seiner Mutter abgeholt und kam sonntags ziemlich verstört wieder zurück. Da die beiden nicht zusammen wohnen, hat sie es vorgezogen, ihm etwas Abstand zu gönnen. Seitdem ist er wie vom Erdboden verschluckt. Falls Sie ihn also irgendwo sehen, lassen Sie es mich doch bitte wissen. Ich danke es Ihnen auch mit zwei Theaterkarten Ihrer Wahl.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle

Hinweise zur gesuchten Person richten Sie bitte an:
haustronaut@staatstheater-nuernberg.de


Satz fur Nuernberg #6


Warum sind auf alten Gemälden die Burgen auch schon Ruinen? Kann man mit einem Deinstallationsprogramm auch das Deinstallationsprogramm deinstallieren? Wenn Remus Romulus erschlagen hätte, hieße dann Rom heute Rem? Warum bedanken sich Fußgänger, wenn am Zebrastreifen ein Auto für sie hält? Warum benutzen nur die Bösen die sozialen Medien für sich, warum nicht auch die Guten? Ist die Steinzeit an den Steinen gescheitert oder an der Zeit? Sollte man beim Maßhalten auch maßhalten? (Das Maß, nicht die Mass). Was macht man mit einer Glühbirne, die nur manchmal geht? Behalten oder wegwerfen? Warum bewegen sich die Zeiger einer Uhr nur, während man nicht hinschaut? Was macht man mit dem Ehering nach der Scheidung? Warum haben die Araber so geniale Zahlen erfunden und so umständliche Buchstaben und warum die Römer genau umgekehrt? Wo kommt unterm Ventilator eigentlich der Wind an? Warum ist ein Nürnberger Würstchen, das 29 Gramm wiegt, kein Nürnberger Würstchen mehr?

UAwg

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #5


Es geht doch immer um Effizienz und Sparsamkeit, auch in der Sprache, und mir ist aufgefallen, dass ich sehr selten die Buchstaben X und Y verwende, weshalb ich beschlossen habe, in Zukunft ganz darauf zu verzichten, auch das F scheint mir überbewertet, da es mit Leichtigkeit durch V ersetzt werden kann, und so gesehen kann natürlich auch das C für alle Zetts stehen – wir erinnern uns an die historische Schreibweise von Centrum – womit wir also schon vier Buchstaben entlassen hätten, ganz zu schweigen von den vielen Umlauten und ihrer elitären Sonderstellung, gerade in Ceiten des Internets ceigen sie ihre volle Unbrauchbarkeit, GLOBALISIERUNGSUNTAUGLICH, weg damit, uebers scharve S muessen wir erst gar nicht reden, das schavvt sich selbst ab, ebenso ale Dopelkonsonanten, manierierter Unsin, oder grosbuchstaben, wocu? als ob die leute nur lesen koenten, wen ab und cu ein buchstabe grosgeschrieben wird? unvasbar wie viel platc man dadurch gewint, mehr invo in weniger ceichen war nie! Ud wn wr dn nch d vkl wglsn nd l pnkt nd kms nd vrgcchn...WHNSN!!!

hr hstrnt phlp lhl


Satz fur Nuernberg #4


Wie Sie wahrscheinlich wissen, gibt es sogenannte Anti-Bell-Halsbänder. Das sind Geräte, die man Hunden um den Hals schnallt, damit sie nicht ständig bellen. Zum Beispiel Hunden, die durchdrehen, wenn sie Radfahrer sehen, oder Hunden, die einfach so ununterbrochen kläffen, weil sie halt ununterbrochen kläffen. Denen legt man so ein Collier an und das schickt im Moment des Bellens einen Stromschlag an den Hals (der Hersteller nennt es Vibration) oder Zitronenduft in die Nase oder einen Ultraschallton ins Ohr. Dadurch werden die Hunde angeblich schnell zu ruhigen, angenehmen Artgenossen. Die Tiere tun mir zwar leid, aber die Idee des Anti-Bell-Halsbandes finde ich gar nicht so schlecht. Wenn man sich vorstellt, man könnte Menschen, die Stumpfsinn verzapfen, eine Krawatte anlegen, die ihnen bei jeder blöden Bemerkung einen Stromschlag an den Hals schickt ...  Also ich hätte da ein paar Vorschläge ... Aber vielleicht will dann niemand mehr in die Politik ... Au!

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #3


Also, letzte Woche war ich in Turin, weil dort mein Stück KOLLAPS in einer szenischen Lesung vorgestellt wurde. 2015 hat es JP Gloger in Wiesbaden uraufgeführt. Jetzt, drei Jahre später, trifft der Text plötzlich einen Nerv in Italien, weil sich die im Stück durch einen vermeintlichen Weltuntergang ausgelösten gesellschaftlichen Aggressionen in der aktuellen politischen Lage Italiens wiederfinden. Da steht man als Autor natürlich staunend nebendran und wundert sich, wie so ein Text ein vom Schreiber komplett abgelöstes Eigenleben führt. Gewissermaßen schreibt sich das Stück selbst um, indem es, in einen anderen Kontext gestellt, plötzlich (Be)Deutungen, Anspielungen, Verweise zulässt, die beim Schreiben nicht mal zu erahnen waren. Und für alle, die sich schon seit Schulzeiten fragen, ob der Autor wirklich all diese Bezüge beim Schreiben verstanden hat: Nein, hat er nicht. Ich jedenfalls nicht. Meine Texte sind auf jeden Fall alle sehr viel klüger als ihr Verfasser.

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #2


Es ist doch immer wieder ein tolles Spiel, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es verschwimmt und völlig zerfasert, sich auflöst, in seine Einzelteile, in völlig abstrakte Klänge, zerfällt und irgendwann ist das Wort weg, gerade weil es so vorrangig und drängend ständig da ist, es verschwindet und nimmt seine Bedeutung mit und wenn ich mir das Theater so anschaue, also das Theater an sich, dann ist es doch ähnlich, wie so ein Wort, weil das Theater ja auch aus einer nie endenden Wiederholung besteht, seine Perfektion sogar in der bestmöglichen Wiederholung sucht, im Nochmalgenausomachenwieeben, wobei es, wie so ein Wort, sich im Wiederholen ständig ändert, mal vor- mal zurückentwickelt, also durchweg scheitert und eben genau nicht Dasselbe erneut herzustellen gelingt und jetzt frage ich mich, ob dann das Theater durch all seine ständige Wiederholung auch irgendwann verschwindet, ob es auch im Bemühen zu existieren sich auflöst?

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle


Satz fur Nuernberg #1


Die Wahrheit ist Fragment geblieben und wir wissen es, was uns aber nicht klüger macht, obwohl man eigentlich davon ausgehen müsste, dass Wissen klüger macht, weil Dummheit im Allgemeinen aus Nichtwissen besteht und sogar eine Form von Unschuld in sich trägt, insofern also eine Vorstufe zum Wissen (und der Schuld?) ist und Wissen kann in einigen Fällen sogar zu Wissen über die Wahrheit führen (noch mehr Schuld), da diese aber wie eingangs erwähnt im Fragment stecken geblieben ist – was sie mit Büchner, Kafka oder David Foster Wallace verbindet – bringt uns das Wissen gar nicht näher an die Wahrheit heran, sondern nur stärker in die Wahrheit hinein und in das ganze Durcheinander, das damit einhergeht, weshalb wir irgendwann mit all unserem Wissen inmitten der Wahrheit stehen und vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen und nicht anders können als zu dem Schluss zu kommen, dumm zu sein, was eine gewisse Erleichterung mit sich bringt, wenn da nicht dieser Rest Wissen übrig wäre - Verdammt!

Ihr HAUSTRONAUT – Philipp Löhle

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